I
18/01/2012
Kein Eismeer und die Schollen
die tragen könnten.
Denn der Winter liegt lungenkrank.
Sein kurzer Atem reicht nicht
mir den Sommer zu Sehnsucht zu friern.
Nikotingedanke
11/01/2012
Eine Zigarette, die beinahe so
schmeckte wie zu der Zeit als man anfing sich in den Abend zu lehnen; Musik, Menschen, Bier und Übelkeit als Landschaft abmaß.
Und immer noch schleppt man den Feldstecher. Das rostige, blinde Ding.
Problemküche I
10/01/2012
Stadt. Seltenheim:
mit diesen bunt erbrochenen Menschen.
Zwischen all dem Mit und Teilung
schuften wir uns eine Stunde zurecht -
und teilen uns ein Hemd
sie darunter zu stehlen.
Familienbande
02/01/2012
Ich schreibe in ein kleines Schulheft mit ungewöhnlichem Format. Seitdem ich ungefähr zehn war kenne ich diese himmelblau eingeschlagenen Bögen Papier, da sie damals mein Onkel, vermutlich auf einer Geschäftsreise nach Russland gekauft, in unmöglichen Mengen in meiner Familie auslud, so, wie man neue Kohlen auf den Hof schüttete.
Bald lagen bei Tanten, Großeltern, Eltern, diese Dinger herum. Ponys, Ritter, Arbeitsnotizen und Einkaufslisten fanden sich auf den Seiten. Eine familieninterne Währung.
Als ich vor ein paar Tagen mein Zugticket ausdrucken wollte und in den Schubladen meiner Eltern nach Papier suchte, fand ich unter einem Stapel Druckerpapier wie erdrückt ein paar dieser Hefte, vermutlich die letzten. Seltsam angerührt beschließe ich, sie in die Altersresidenz zu mir nach Hause zu nehmen — nur noch ein paar Bögen kränklicher Zellulose, die sich damals so penetrant mit ihren Geschwistern in unsere Familie drängelten.
Feiertag
29/12/2011
Eine Zeit lang Waldstück. Böschungen. Irgendjemand hat eine rotgepunktete Stofftüte in einen Busch am Wegrand gehängt. Mit dem Blick auf den Pfad drängt sich einem dabei der Gedanke an Verbrechen auf. Als Kind hatte ich bei meinen Großeltern häufiger Aktenzeichen XY geschaut. Erinnerungen wie die an Wetten, dass… und den säuerlichen Geruch der Schwarzbrotscheiben, die auf einem lackierten Frühstücksbrett mit Kindermotiven vor mir lagen, während ich ganz für den Fernseher war.
Analogfotografie I
29/12/2011
Das Eis hatte sich in Schollen zusammengeschoben und über weite Teile der Küste ein kleines Gebirge geworfen, das sich aus der Ostsee schob. Zwischen vielen dieser kleinen Berge gab es Höhlen, die mein Schulfreund und ich damals erkundeten. Die Kapuze meines Parkas voll mit Schnee und die Hände blaurot und die Schmerzen, wenn man sie dann später unter warmes Wasser hielt.
Mein Vater fotografierte damals sehr viel mit seiner Minolta, für mich ein schweres Ungetüm, das mir seinen Umhängegurt in den Hals schnitt, wenn ich es tragen durfte. Ein paarmal habe ich dabei zugeschaut, wie er die Bilder entwickelte. Das Badezimmer wurde ein Nachmittag lang eine Dunkelkammer und in Waschbecken und Wanne lagen rote Plastikschüsseln mit den Fixierer- und Entwicklerflüssigkeiten. Am Ende entnebelten sich auf einem kleinen Blatt Papier die Eisschollen, die Ostsee und die baumwollenen Gestalten. Nur mit Erinnern wirkt einem noch die Zeit. Eventuell.
Einer Woche, Resümee
24/12/2011
Der Schlaf scharrt elend an Tür und Denken,
hinausgejagt in zahmen Tag.
Die Nacht gießt alles War und Werden
wo kürzlich schwarz die Steppe lag.
Der Schlaf scharrt elend an Tür und Denken,
und rollt sich für sich selber ein.
Die Nacht goß uns das War und Werden,
Die Steppe hell, im Wundlichtschein.
Den Müll rausbringen
24/05/2011
Zumindest die Mülltrennung hat dafür gesorgt, dass ich diese lästige Alltagsangelegenheit mit etwas mehr Aufmerksamkeit betrachte. Was entferne ich also aus meinem Haushalt? Als Einzelperson bringe ich in einer Woche mehr Plastikabfall durch als alle anderen Sorten Zeugs. Ganz besonders Plastikmüll hat es mir angetan. Plastik lässt sich gut verbrennen und hat diese schönen schweren Rauchfäden. Plastik hält auch am längsten.
Manchmal, zum Beispiel an Raststätten, finde ich am Wegrand Verpackungen, die Familien dort liegen gelassen haben. Familien, die vermutlich schon längst eine Generation weiter gerückt sind. Rügenwalder Streichleberwurst gab es also auch schon vor zwanzig Jahren, denke ich mir dann und trinke meinen Pausenkaffee aus, den ich aber für die Müllverbrennung bestimme und in die Tonne werfe. Zuviel sinnfreie Beständigkeit macht irgendwie melancholisch.
Aber diese hat ihre ganz eigene Nachhaltigkeit:
Das Interessante an Plastikmüll ist, dass man im Gegensatz zu den gängigen anderen Hausmüllsorten mit dem Verschwinden nachhelfen muss. Kompost und auch Papier hingegen haben sich irgendwann erübrigt.
Was hält zum Beispiel ein Mensch in zweihundert Jahren von einer Verpackung Rügenwalder Streichleberwurst, die er behutsam aus den Ruinen meiner Wohnung freilegt? Er wird sich nach dem Alltagsleben eines Menschen Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts gefragt haben, denn sonst würde er nicht in meinem Müll herumfuhrwerken. Und während alle anderen wertvollen Dinge wie Zahnbürste, Handy-Ladegerät und Flaschenöffner schon vor Jahrzehnten geplündert wurden, bleibt diese Verpackung sein einziges Zeugnis aus der großen Ära des Endverbrauchers#.
Ich sammle euch Schätze, ihr Grundlagen archäologischer Streitbarkeit, packe euch in Säcke und warte, dass es euch zu eng wird, damit ich euch in Tonnen werfe. Wir sollten euch besser behandeln. Auf euch wird es ankommen, wenn meine Wohnung längst unter Schlamm begraben ist, wenn Autobahnen leer und runzlig durch die Felder schneiden und noch nicht einmal Moose auf den Festplatten von meinem Facebook-Profil zehren.
Dorthin
19/05/2011
Auch jetzt noch legt man sich von Strandweitruhe
die Schläfe tief ins Nochdahinterschreiben;
Du bist mir steinigpfaden nachgeblieben
und zehrst von Wegrandschauertreiben.
Die Pfade scheren Weites
und werfen Endlich auf.
Memory (das von Ravensburger)
23/03/2011
Nachbestellte Kindheit. Schranziges Memory.
Jeder steht seinen Flohmarkt toternst ironisch.
Auf der Arbeit ist noch Monopoly.
Meinen Kindern kaufe ich Holzspielzeug.