Familienbande

by zeichenkette

Ich schreibe in ein kleines Schulheft mit ungewöhnlichem Format. Seitdem ich ungefähr zehn war kenne ich diese himmelblau eingeschlagenen Bögen Papier, da sie damals mein Onkel, vermutlich auf einer Geschäftsreise nach Russland gekauft, in unmöglichen Mengen in meiner Familie auslud, so, wie man neue Kohlen auf den Hof schüttete.
Bald lagen bei Tanten, Großeltern, Eltern, diese Dinger herum. Ponys, Ritter, Arbeitsnotizen und Einkaufslisten fanden sich auf den Seiten. Eine familieninterne Währung.
Als ich vor ein paar Tagen mein Zugticket ausdrucken wollte und in den Schubladen meiner Eltern nach Papier suchte, fand ich unter einem Stapel Druckerpapier wie erdrückt ein paar dieser Hefte, vermutlich die letzten. Seltsam angerührt beschließe ich, sie in die Altersresidenz zu mir nach Hause zu nehmen — nur noch ein paar Bögen kränklicher Zellulose, die sich damals so penetrant mit ihren Geschwistern in unsere Familie drängelten.