Lucky Strike

von zeichenkette

Sie kommt mit einem blauen alten Saab auf den Parkplatz gefahren, ein schönes Auto, das mir, da ich den Halter kenne, klar macht, mit meinen Vermutungen richtig gelegen zu haben.
 Als sie mir die Baumwolltasche mit meinen Büchern gibt, erfrischt mich wenigstens ihre gewollte Distanz, die ich an solchen Treffen immer auf eine masochistische Art liebe. Letztlich sei es wohl der Altersunterschied gewesen, erklärt sie: Ich dreiundzwanzig und sie über sieben Jahre älter. Ich überlege an dieser Stelle, wie herum wohl das Negative daran gemeint sein kann, halte aber meinen Mund. Ich frage mich, ob sie sich ein wenig mehr Action von meiner Seite wünscht. Dabei ist alles schon geschehen und gesagt. Ein Klischee von drei Monaten mit sorgsam verteiltem Kitsch, nämlich: Die immer so schön verlaufende Ansaugphase mit Zerlegungen von Gesagtem, die Zigarette mit Lippenstift, die auf das Pflaster fällt, das zunächst Heimlichsein gegenüber den Freunden, die zerwühlten Laken, die Frühstücke in einer Wohnung, deren Fremdheit mit jedem Tag abnimmt. Wie weich die Hände ineinander sein können, wie man auf ihr Haar schaut, wenn sie über ihre Diplomarbeit gebeugt brütet. Viele Fragen gegenüber Zukunft, die ich umschiffe. Auch das Klischee. 
Letztlich hat der Halter des Saabs sie zurückgewonnen. Auch wenn das Auto schön ist, daran lag es nicht. Er hat ihren Drucker repariert. Wo ich deutlich des Umschiffens war, hat er in den Nebel gesteuert.
Was mir Sorgen macht – ich sollte eigentlich eine Sturmflut im Bauch haben, eine mit gebrochenen Deichen und ertrunkenen Kühen, die am nächsten Morgen zwischen verendeten Fischen liegen – aber stattdessen jedoch spüre ich: Langeweile. Das ist kein heimlicher Chauvinismus, sondern eher ein Traurigsein darüber, dass die Dinge sich immer in einer Art entwickeln, die man als plausibel schon längst überdacht hat. In alle Richtungen. Und wenn sie dann eintreffen, sind sie wie Wiederholungen im Fernsehen: Man schaltet um und schaut sich Deutschlands schönste Bahnstrecken an.
Meine Nachbarin kommt, vom Einkauf heimkehrend, um die Ecke, kurz nachdem der schöne Saab vom Parkplatz gefahren ist. Sie bemerkt, dass wir uns lange nicht mehr gesehen haben, und dass wir wieder einmal etwas unternehmen sollten. Das passe mir gut, sei gerade frei. Ein richtig blöder Spruch, aber die Vorlage war einfach zu gut.  Als sie darüber missbilligend die Braue hochzieht, weil sie den Hintergrund erahnt, rettet mir das den Tag. Oder auch nicht.
Was mir auch die Langeweile nie erklärt hat: Warum man immer wie mit fünfzehn ist, wenn man wieder beginnt.

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