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Kategorie: Prosa

Weiter

Es geht immer irgendwie weiter hört man sich selbst und die anderen sagen. Ob das so gut ist? Auf die Welt selbst bezogen beruhigt mich dieser Umstand zumindest. Dieser Versuch, den man Leben nennt, dieser schenkende Räuber. Darüber kann man albern werden und sich die dennoch nicht ganz unsinnige Frage stellen, ob es iterativ oder rekursiv ist.

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Murakami

Tatsächlich beginnt auch der Regen und mengt sich unter die Luft als mein Körper sich eine Qual überlegt, die er mir gegen die Strecke schicken will wie einen Fangschuss von jenseits der Böschung her; ich würde gerne denken, er lege sich wie die Füssli-Nachtmahr auf mich, aber leider brutalt er nur aus meinen Beinen wie ein Besoffener, der sich überall stößt, und über eine weite, eine sehr weite Strecke hin denke ich  — nichts………………………..

[Im Gegensatz zum Yoga, bei dem mich fast immer der Alltag, statt mich zu verlassen, als eine Meute Untoter verfolgt, während ich mich um eine Asana bemühe, mich immer noch einholt und zerlegt, frisst, mit meinen Knochen untereinander streitet, vergesse ich beim Laufen und der Anstrengung, die aus der Vergänglichkeit meines Körpers tritt, die Vergänglichkeit meines Körpers.]

Als ich durchs Ziel laufe und zum Stehen komme, kann ich kurz lächeln. Ein erster Juni regnet schwer weiter, jemand sagt über Lautsprecher durch, dass ich das Ziel passiert habe. Unmittelbar danach gewinnt mein Körper die Oberhand und bestraft mich für die letzten fast fünf Stunden Blödsinn. Es braucht eine Zeit, bis ich wieder gehen kann. Ein Mann verteilt Folie zum Wärmen. Ich nehme ein Stück und knote es mir wie ein Cape um die Schultern. Die Albernheit hat mich noch nicht verlassen. Ein Mann fotografiert mich und möchte wissen, ob der Regen gut oder schlecht für mich gewesen sei. Ich weiß nicht mehr, was ich antworte. Als ich den Kopf hebe, sehe ich eine riesige Schlange aus Menschen und Lametta sich aus dem Stadion in Richtung der Zelte bewegen.  Gegen Abend treffe ich mich mit meiner Begleitung in einem Restaurant. Ob es so etwas wie ein runner’s high für mich gäbe, fragt sie mich. Ich muss über die Frage eine Zeit nachdenken. Nein, gebe ich schließlich zu verstehen. Es ist noch nicht einmal das, was Murakami als runner’s blue bezeichnet hat. Es ist vielleicht einfach das Gefühl, welches mich seit Jahrzehnten beherrscht, wenn ich eine Hürde gemeistert habe: So fucking what?

Soweit für den März

Einem Mann fällt sein Regenschirm gegen mein Knie, als er sich in der S-Bahn vor mich setzt. Er entschuldigt sich freundlich. Eine Frau sitzt daneben und starrt ins Leere. Sie erinnert mich an jemanden, aber ich kann nicht sagen, wer. Der Mann liest Zeitung. Er hat die schöne Frau abgelöst, die dort vor ihm saß und auch Zeitung las. Ihre Jeans hatte am Knie ein Loch, durch das sie einen Ausschnitt ihrer Haut zeigte. Sie war die Sorte Mensch, über dessen möglichen Charakter ich mir kein Urteil erlauben mag, weil seine Attraktivität mich befangen macht.
Noch immer fällt Schnee und die Züge beginnen ihre Unpünktlichkeit.

Beim Tragen einer Cordjacke

Halblicht macht das Sammelsurium aus Blattsorten leuchten, das drapiert auf den Rücken verschlafener Autos liegt oder um meine Füße als Schnittwerk des unbekannten Friseurs. Halbschlaf macht sich dazwischen auf den Weg. Kindergummistiefel zwacken ihre Komplementärfarben durch die kleinen Hügel botanischen Jahresendes. Was ausnahmsweise einmal beruhigt: Durch so viele andere Augen ging das schon, wurde besprochen, bekam Ölfarbe und Text, doch blieb niemandes Sprache an dem einzigen Rotbraun  hängen, das in diesem Moment der eigene Schritt stört.

Camel

Das Traurige an schmutzigen Schulranzen. Ein Gedanke, auf den Du* mich bringst, während wir auf dem Nachhauseweg sind. Es ist nicht der Schmutz oder der Schulranzen. Wie bei allem ist es das Zusammenspiel, da das Einzelne selten zählen kann. Und hier ist es das der entgegengesetzten Konnotationen gelieferter Bilder – oder vielmehr das Bemühte der grellen Konnotation, etwas zu vermitteln, das gegen so etwas Banales wie den Alltag niemals Bestand haben kann. Bis heute bin ich beeindruckt von der Deutlichkeit, mit der das Gefühl der Trauer über eine ziellose Farbe zutage tritt; gerne an Bushaltestellen oder auf dem Weg zu einer Verabredung, während man das letzte Stück zu Fuß geht; gerne morgens auf dem Weg ins Büro, die paar Minuten, die ich eine Zigarette rauche und sich der Tag um einen herum versammelt wie eine Herde wenig freundlicher Tiere.
Der Auslöser ist innerlich stets mehr oder minder derselbe, wohingegen sich die Bilder sehr frei arrangieren. Erst letztes Wochenende zerschlägt mich der schief geklebte bunte Schriftzug eines China-Imbisses. Ein recht kleingestiger Anlass, etwas trostlos zu finden, er widerspricht einem konventionellen modus dolor. Aber genau hierin findet sich auch eine Erklärung. Die Erde scheint an so vielen Orten hindurch. Nicht nur Friedhöfen. Das Unaufhörliche, in das ein Mensch so gerne sein Zielloses gibt.

*) P.W. 1995

Cabinet

Vor gar nicht so langer Zeit plansche ich mit meiner Verwandtschaft in einem Baggersee, neben der Wiese vom Ufer her auch der Geruch von Braunkohle, der sich über alles legt, nicht penetrant oder unangenehm, für mich nur ungewohnt; es ist das erste Mal, dass ich hier bin, dies ist meine Erinnerung; die Landschaft schwenkt um von Wiese zu Stadt, in dieses Grauland, dort, wo Jahre später wieder eine Kirche steht jetzt nur ein großer Haufen Trümmer, zwischen dem ansonsten so leeren Platz wie Gekehrtes, irgendwo dahinter gruseln mich die schwarzen Fensterhöhlen des Gebäudes, dessen Name mich an eingesperrte Hunde denken lässt; dann wieder mehr Grün, Grün als Geruch und Fühlen, im Haus meines Onkels eine gesprungene Bodenplatte im Flur, auf deren Riss ich Balancieren spiele. Ich sehe eine echte Dampflok und darf sie nicht fotografieren. Ein kindliches Erinnern an mehr Grün und aber auch mehr Grau. Ein Warten an der Grenze, das mich wahnsinnig macht, die Unruhe meiner Eltern, die mir noch in die Träume fließt,  mein Interesse an den Teleskopspiegeln, die uns unters Auto gehalten werden,  und der Müllwald am Rande der Transitautobahn. Dies ist eine Erinnerung. Mehr nicht.

Van Nelle

Unsere Lehrerin teilt die Aufgabenzettel aus. Es sind Matrizenabzüge auf weichem, beigem Papier mit blauer Schrift und an jedem Tisch gibt es mindestens ein Kind, das sich, hingerissen von dem fruchtigen Lösungsmittelgeruch, den Zettel an die Nase hält und verzückt schaut oder gleich den Kopf auf den Tisch mit dem Papier senkt, als würde es Koks ziehen. Für einen kurzen Moment stürzt das ansonsten so straffe Regime unserer Lehrerin in die Anarchie. White Rabbit FSK 6.
Ein Zusammenhang, den man wohl besser nicht herstellen sollte, als ich etwa zehn Jahre später mir meine erste Packung Tabak und Blättchen kaufe. Das ganze heimlich vor den Eltern. Von einem Freund, der schon eine Zeit länger und noch heimlicher raucht, lasse ich mir das Drehen zeigen. Der Halfzware riecht streng nach Leder als wir mit den Fingern Büschel aus der Packung ziehen und auf dem Papier verteilen. Ein paar Wochen zuvor hatte mir derselbe Freund geraten, einen Telefonanruf an eine Mitschülerin zu machen, der mir eigentlich nur zeigen sollte, dass ich diesbezüglich noch viel blöder war, als ich es nicht schon vorher wußte. Irgendwann fängt man an, bei mir begann es mit einem Hörer, den ich in der Hand hielt während ich das örtliche Telefonbuch aufschlug. Am Abend klaute ich meinen Eltern zwei Zigaretten und setzte mich an einen See in der Nähe. Dem ersten Zug folgt kein Hustenanfall, wie es in Filmen immer vorkommt. Irgendwie bin ich enttäuscht darüber, da es der ohnehin schon mit Pathos auf Anschlag geladenen Situation das phänotypische Leiden nimmt, dass man so sehr schätzte. Unmittelbar darauf tritt mir das im Nervensystem eintreffende Nikotin seine Stiefel in die Kniekehlen. Halt, der wie Wachs zerfließt. Ich sinke in die Bank und verliere den Geruch des Sees. White Rabbit FSK 16.

Lucky Strike

Sie kommt mit einem blauen alten Saab auf den Parkplatz gefahren, ein schönes Auto, das mir, da ich den Halter kenne, klar macht, mit meinen Vermutungen richtig gelegen zu haben.
 Als sie mir die Baumwolltasche mit meinen Büchern gibt, erfrischt mich wenigstens ihre gewollte Distanz, die ich an solchen Treffen immer auf eine masochistische Art liebe. Letztlich sei es wohl der Altersunterschied gewesen, erklärt sie: Ich dreiundzwanzig und sie über sieben Jahre älter. Ich überlege an dieser Stelle, wie herum wohl das Negative daran gemeint sein kann, halte aber meinen Mund. Ich frage mich, ob sie sich ein wenig mehr Action von meiner Seite wünscht. Dabei ist alles schon geschehen und gesagt. Ein Klischee von drei Monaten mit sorgsam verteiltem Kitsch, nämlich: Die immer so schön verlaufende Ansaugphase mit Zerlegungen von Gesagtem, die Zigarette mit Lippenstift, die auf das Pflaster fällt, das zunächst Heimlichsein gegenüber den Freunden, die zerwühlten Laken, die Frühstücke in einer Wohnung, deren Fremdheit mit jedem Tag abnimmt. Wie weich die Hände ineinander sein können, wie man auf ihr Haar schaut, wenn sie über ihre Diplomarbeit gebeugt brütet. Viele Fragen gegenüber Zukunft, die ich umschiffe. Auch das Klischee. 
Letztlich hat der Halter des Saabs sie zurückgewonnen. Auch wenn das Auto schön ist, daran lag es nicht. Er hat ihren Drucker repariert. Wo ich deutlich des Umschiffens war, hat er in den Nebel gesteuert.
Was mir Sorgen macht – ich sollte eigentlich eine Sturmflut im Bauch haben, eine mit gebrochenen Deichen und ertrunkenen Kühen, die am nächsten Morgen zwischen verendeten Fischen liegen – aber stattdessen jedoch spüre ich: Langeweile. Das ist kein heimlicher Chauvinismus, sondern eher ein Traurigsein darüber, dass die Dinge sich immer in einer Art entwickeln, die man als plausibel schon längst überdacht hat. In alle Richtungen. Und wenn sie dann eintreffen, sind sie wie Wiederholungen im Fernsehen: Man schaltet um und schaut sich Deutschlands schönste Bahnstrecken an.
Meine Nachbarin kommt, vom Einkauf heimkehrend, um die Ecke, kurz nachdem der schöne Saab vom Parkplatz gefahren ist. Sie bemerkt, dass wir uns lange nicht mehr gesehen haben, und dass wir wieder einmal etwas unternehmen sollten. Das passe mir gut, sei gerade frei. Ein richtig blöder Spruch, aber die Vorlage war einfach zu gut.  Als sie darüber missbilligend die Braue hochzieht, weil sie den Hintergrund erahnt, rettet mir das den Tag. Oder auch nicht.
Was mir auch die Langeweile nie erklärt hat: Warum man immer wie mit fünfzehn ist, wenn man wieder beginnt.

Gauloises caporal

Zum Beispiel die Fotografie dieses Typs mit seiner Zigarette und dem aufgeschlagenen Mantelkragen auf dem Cover eines Rowohlt-Taschenbuchs.
All die toten Leute, die man gelesen oder deren Bilder oder Filme man gesehen hatte, während man sich mit Herzflimmern der zweiten Dekade Leben näherte.
Ein fremder Regen, eine fremde Sonne auf der eigenen Haut.
Das Schöne daran: Jemand hatte mir etwas geschenkt, das ich bis ins Alter nicht öffnen sollte;  und durch das Papier der Verpackung versuchte ich es zu ertasten. Und das Gefühl unter den Fingern bleibt bis heute.

NIL

Nachtzug im September. Wir sind nicht gänzlich unter uns im Abteil, und es wirkt so, als habe jemand mit ein wenig mehr Befugnissen diesen unablässig bärtig quasselnden Studenten zu uns gesetzt. Eigentlich kein ganz so verkehrter Kerl, aber für die Fahrt wirkt er wie eine verbale, etwas schmuddelige Vorwegnahme der Stadt, die wir besuchen werden. Als ich meine Zigaretten heraushole und er die Marke sieht, erklärt er uns etwas von Existenzialistenfrühstück mit schwarzem Kaffee und Zigarette. Mach mal schön weiter Jean-Paul, denke ich und gehe auf den Flur um zu rauchen während ich ins Rauschen der Fahrt horche. Mich hat immer das Beruhigende an diesem Lärm gewundert.
Untergebracht werden wir in einem Studentenwohnheim, das in der vorlesungsfreien Zeit die leeren Zimmer für Reisende zur Verfügung stellt. Davor wird es ein Krankenhaus gewesen sein, das kann das Gebäude einfach nicht verbergen. Einer dieser alten Klötze, die man noch nicht einmal innenarchitektonisch geändert hat. Die Farbe der Wände und die Sitzgruppen im Foyer rufen mich ins OP. Mit zehn Stockwerken Unterschied zu den anderen finden P. und ich unser Zimmer unter dem Dach. Das internationale Sprachgemisch der Studenten auf dem Flur und das Wuchten der Fahrstuhlanlage bis spät in die Nacht. Die nächsten Tage sind eine Zettelwirtschaft:

Ich lerne das Trinken von Kaffee. Kaffee morgens, mittags und abends. Kaffee nachts. Coffee-to-Go. Go-to-Coffee.

In der U-Bahn liegen kleine Zettel aus, die ich mir mit P. näher betrachte. Es sind kurze Gedichte; wir sammeln ein paar davon, aber alle sind scheiße.

Das Hundertwasserhaus ist ein netter Versuch mich bunt zu stimmen. Schnell wird mir klar, warum ich den Künstler eigentlich nur vom Einband der Lateinlexika kenne. Und einmal wieder Peter Lindbergh mit seinen Über-Nackten. Im Erdgeschoss gibt es auch ein Café. Die Kellnerin ist hier freundlich.

Dazwischen halbgare Eifersucht, die man schön poliert und neben die Melange wie einen Revolver auf den Tisch legt. Was hast Du? Es ist nichts.

An der Stadt fällt mir das latent bis überaus deutlich Pornographische auf. Viel zu viele Nachtklubs und klimatisierte Einzelkabinen. Selbst Hotelangestellte tragen unmögliche Plateauschuhe. Das mischt sich mit diesem jahrhundertealten Melting-Pot-Gefühl und einer ätzend biederen Fassade. Zusammen macht dies scheinbar das Flair der Stadt aus. Ich will die Kultur nicht vergessen. Aber die war hier scheinbar immer so reich an krassen Blüten, da es die oben genannte schräge Mischung schon ewig zu geben scheint.

Kaffee bei McDonald’s. Kein Kommentar.

Auf Katharinas Sarkophag schießen sich unzählige Leute für sie ins Grab.

Und so weiter. Ganz besonders im Burgtheater.

Halt, Schiele, Dich fand ich gut. Klar. Bei der Laune. Aber muss man Deinen Kollegen Klimt so vermarkten?  Ja, gerne, noch eine Melange bitte!

Ich kehre heim und bemerke, dass ich fünf Kilo abgenommen habe. Als hätte ich sie mit etwas eingetauscht, das eine andere Schwere besitzt.

Man wundert sich später wirklich, was man sich selbst damit eigentlich sagen wollte. Bruchstücke auf dem Weg in die zweite Dekade Leben.

Den Stapel Zettel zurück in den Schuhkarton, den Schuhkarton zurück unters Bett.

f6

Es beginnt mit der kuriosen Neugier an der Sache. Anders kann ich es nicht beschreiben. Aber wie auch bei allen anderen Dingen holt der Alltag einen ziemlich schnell auf den Boden. Ein mit einem Laken zugedecktes Bett, unter dem sich deutlich ein Körper abzeichnet. Der Weg zum Fahrstuhl, den man vorher prüft, um keinem Patienten oder Besucher zu begegnen. Und deren Gesichtsausdruck, der einen beschäftigt, wenn es zufällig doch einmal der Fall sein sollte. Den Keller erreiche ich durch eine schwere Tür, die tatsächlich an die eines Kühlschranks erinnert. In der Mitte des dunkel gefliesten Raums eine Bahre mit Kruzifix am Kopfende. INRI. Gerade hier wie aus einer verblassten Kultur, an deren Bilder und Lieder sich nur noch erinnert wird. Den ersten Körper, den wir hinabbringen, legen wir zugedeckt auf die Bahre. Alle weiteren, und es gibt weitere, links und rechts daneben. Tagesgeschäft.
Die Telefonate mit den Angehörigen. Es geschieht nicht selten, dass es einfach keine mehr gibt – oder die Hinterbliebenen sich nicht wirklich kümmern; sei es aus schamhafter Furcht vor dem Amtlichen daran, sei es aus Desinteresse.
Ich räume den Schrank und den Nachttisch aus. Oft mehrmals die Woche. Die Übrigkeiten gehen in schwarze Mülltüten, die im Lagerraum stehen, bis Verwandte sie vielleicht abholen. Eigenartig, dass man sich gerade hier das Euphemistische, das das Thema sonst immer umgibt, spart. Ein Rasierapparat, die dritten Zähne, etwas Wäsche, Genesungswünsche von den Verwandten, vielleicht ein Buch. Ein Krumen Schau in etwas Person, fast nutzlos, weil so kurz. Das war es. Wenn es eine treffende Definition von Rest gibt, dann diese.
Das Desinfektionsmittel trocknet mir die Hände aus, nachdem ich das Zimmer gereinigt habe. Alles hier ist zugleich Beweis und Widerlegung von Dingen wie Seele oder Nachleben. Den Anspruch, mehr zu sein, hat es nie erhoben.

Prince Denmark

Südschweden Anfang Juli mit See, Kanu und Zelt. Ein Ausflug mit einer Jugendgruppe, die heterogener nicht sein kann. Floskeln von Menschsein, das sich erst noch finden wird. Mittige Randerscheinung. Ich bin eine Doors-Jukebox für das Lagerfeuer am Abend. Mir klebt die Müdigkeit im Haar, als ich am nächsten Tag aus dem Zelt stolpere. Alles ist Tau weit hinter die Stirn. T. kommt vorbei, auch er schleppt seinen Kopf hinter sich her. Wir haben beide Geburtstag. Nicht nur wegen dieser Rahmenbedingung verstehen wir uns gut. Er ist ein Jahr jünger, einen Kopf größer, breitschultrig und seine Bewegungen noch eine Spur unfertiger. Der Inbegriff eines großen Jungen. Ich bewundere seinen Gerechtigkeitssinn gegenüber der Gruppe, in der es einige problematische Leute gibt. T. steht gegen die Gehässigkeiten und seine Körpergröße macht es ihm leicht, ohne Reibereien die Oberhand zu behalten. Seine Rolle wirkt etwas naiv, aber Gerechtigkeit scheint immer etwas Naives zu haben, was vermutlich ihre Unbeliebtheit erklärt.
 Wenn ich mir überlege, ob wir Freunde werden können, fällt mir schon nicht mehr ein, was man reden und unternehmen könnte. Manchmal bedarf es nicht viel an einem Menschen, um so etwas Ähnliches wie rätselhaft zu sein – er mit seinem bubigen Kurzhaarschnitt, den Bundeswehrstiefeln vom Bruder und die Unbekümmertheit, mit der er auf Leute zugeht; die mir damals fehlte, einem Schüler, der manisch Liedttexte auswendig lernt, kiloweise Bücher auf Flohmärkten kauft, der sich auf der Fahrt häufig alleine in eine Ecke der Insel, auf der wir gerade kampierten, zurückzieht um nachzudenken. Einmal findet mich T. bei so einer Gruppenauszeit. Er habe sich Sorgen gemacht, und ob es mir gut gehe. Dafür mag ich ihn sehr, gerade, weil dieser Moment etwas von diesen unerträglich stereotypen Jugendromanen hat, die man sich in dem Alter öfters ins Leben sehnte.
Zwei Jahre später bin ich auf einer Party bei einer Ruine im Wald eingeladen. Vor dem Feldweg, der hinauf zu den Überresten eines Hotels aus den fünziger Jahren führt, halte ich meinen Wagen, und die Scheinwerfer bestrahlen einen Baum vor mir, der auf Sichthöhe wie gesprengt aussieht. Holzsplitter rätseln wild in alle Richtungen wie die Fragen und das Unwohlsein, das mich bei diesem Anblick beschleicht. Ich schalte den Motor ab und steige dort aus, wo, wie ich am nächsten Morgen erfahre, T. ein paar Tage zuvor den Nutzen für seinen kürzlich erworbenen Führerschein verwirkte.

John Player Special

In Kleinstädten wächst man auf. Zwei Sommer lang war der Marktplatz in E. ein Treffpunkt. Der Unterschied zwischen uns und den für Kleinstädte so typischen Bahnhofshängern war eigentlich nur der formale Bildungsgrad. Und zumindest gab es noch ein paar andere Orte, zu denen wir später gehen konnten. So trafen wir uns da also. Lange Haare, Doc Martens, Cordhose und Freundschaftsbänder.
Wenn ich darüber nachdenke, was man allgemein einer jeden Dekade, die ihre Kinder geprägt hat, vorwerfen kann, so steht für mich an erster Stelle: Die Klamotten. Die Neunziger waren ein recht interessanter Fall. Nach Pastellfönkarottenhosendauerwellen der achtziger Jahre konterte man (wer ist hier man?) mit einem halbentschiedenen siebziger Jahre Revival. Die andere halbentschiedene Hälfte fand sich in der Form von Buffalos und der Love Parade. Was aber nicht heißen soll, dass beide Mengen disjunkt waren. Die Musikindustrie steuerte uns in die entsprechende Richtung. Überhaupt ging es der damals ganz gut. Türme von CDs in den Zimmern. Große Anlagen, auf denen man neue Alben anhörte. Bei den Bands war es in Mode gekommen, einen Hidden Track ans Ende ihrer Alben zu stellen. Ewiges Warten darauf. Glotzen auf den Counter. Auswendiglernen von Songtexten und Studieren des Booklets. Eddie Vedder zieht die Vorhänge zu, und Layne Staley dimmt das Licht. Liegen auf dem Boden und sich von Musik eindecken lassen. Mit Cordhose und Freundschaftsbändern.
Weshalb ich den Marktplatz erwähne: Der alte Typ mit seinem Trenchcoat und dem gepflegten weißen Bart, der auf Flaneur machte.  Den einen Sommer traf man ihn öfter auf dem Marktplatz, und er setzte sich meistens zu den Mädchen aus unserer Gruppe, die mir damals zu jung waren, mit denen man relativ wenig reden konnte und die immer nur Bücher oder CDs von mir ausleihen wollten, die man am Ende soundso nicht wiederbekam. Ihn schien das wenig zu stören. Sein gentiles Probieren, mit dem er sich aufführte als würde er den Marktplatz nach Montmatre verorten wollen, hatte für die meisten einen gewissen Unterhaltungswert. Solche Menschen wirken immer ein wenig wie an Fäden gezogen, da ihre Sich-selbst-Gedachtheit wenig passt.
Einmal setzt er sich zu mir, weniger aus dem Interesse an mir als vielmehr, weil ich mich gerade mit zwei der Mädchen unterhalte. Er bietet mir eine Zigarette an; tut dies mit so ausholender Geste, dass sie zusammen mit seiner Erscheinung und meinem Blick auf die Zigarettenmarke eine eigensinnige Komik entwickelt – jene besondere  unvermittelt einsetzende grausame Lebenskomik, die sich nie entscheiden kann, ob sie mich herzhaft amüsieren oder furchtbar traurig stimmen möchte. Auch jetzt kann sie sich nicht entscheiden, weshalb ich sauer auf sie bin und Mitleid mit ihm habe. Ich nehme eine seiner Zigaretten.
In Kleinstädten wächst man auf.

Pall Mall

Als der Polizist die Frau am Steuer anweist zu wenden, da es weiter vorne einen Unfall gegeben habe und die Straße gesperrt sei, wird sie das erste Mal an diesem Abend unfreundlich. Der Polizist kann nicht wissen: Wir vier in diesem von Bekannten geliehenen Skoda Octavia mit überbrücktem Bremslicht, alle Ende zwanzig, frierend und einen Anhänger voll mit IKEA-Einkäufen, die vom Schneetreiben zugedeckt werden, sind an diesem Tag ungefähr von jeder Annehmlichkeit westeuropäischer Zivilisation verlassen worden.
Unglück scheint einen faszinierenden Magnetismus zu besitzen. Ein ganzes Stakkato von schlechten Zufälligkeiten kann sich entladen und lässt einen je nach Schweregrad die Existenz irgendeiner höheren Absicht in Betracht ziehen. Vielleicht auch nicht. Auf jeden Fall gibt es dieses dämliche Wie-im-Film-Momente-Gefühl. Warum eigentlich Wie-im-Film-Momente und nicht Wie-im-Buch? Vermutlich wegen der Ausdeutbarkeit dieses Zusammenwurfs von Pech in eine wie auch immer geartete Intention, die in ihrer melodramatischen Dichte immer nur im amerikanischen Herzkino vorkommt. Eigentlich benutzt man den Wie-im-Film-Ausdruck aber nur, wenn es eine positive Verkettung von Ereignissen ist. Bei allem anderen neigt man eher dazu, die Fresse zu halten.
Schönes Abschweifen. An diesem Abend haben wir uns das jedoch geschenkt. Es gibt in Überflussgesellschaften diese individuelle, geflüsterte Sehnsucht nach Not, in der man sich beweisen muss und über sich hinauswächst. Das wird auch der Grund sein, warum so viele Leute Videospiele spielen und sich in irgendeine Heldenscheiße reindenken. Hauptgefreiter der Herzen. Ganz toll. Sobald man in eine Not geworfen wird, schämt man sich für soviel kindische Phantasie.
Der Grund, diesen völlig heruntergearbeiteten Skoda Octavia auszuleihen war – seine Anhängerkupplung. Dazu den Anhänger. Schon in Koblenz beim Zusammensammeln der Fahrgemeinschaft gen IKEA springt der Wagen zwischendurch nicht mehr an. Der eigentliche Halter beruhigt die Fahrerin. Sei normal. IKEA wird tatsächlich erreicht. Der Einkauf selbst verläuft stereotyp wie jedweder IKEA-Einkauf: Die Packung Teelichter nimmt man immer mit.
Der Winter naht mit einsetzendem Schneefall, als wir den Anhänger mit Billy Buche, irgendeiner Couch und Tonnen von Nippes mitsamt Teelichter beladen. Dabei wird uns klar, dass das Bremslicht des Skoda noch brennt. Ein Gefühl untereinander geborgenen Verlorenseins macht sich breit als wir feststellen, dass der elektronische Türöffner des Wagens nicht mehr reagiert. Wir entdecken unseren Humor auf kreative Weise neu, während S. sich an dem Schloß versucht, das durch die stete Benutzung des elektronischen Öffners eingerostet ist. Am Ende sitzen wir dennoch in dem Auto, während der Schnee den Parkplatz zu einer kitschigen Leinwand unseres Unglücks ausfüllt. Als die Dunkelheit vollkommen ist an diesem Samstag, beschließen S. und C. einen Ausbruch zum nahe gelegenen McDonald’s zu wagen. Kaffee. Ich warte mit der anderen S. auf die Rückkehr, als die Parkplatzbeleuchtung abgeschaltet wird und die Kälte im Auto die Laune herunterkocht. Jetzt ist es wirklich dunkel. Ein guter Platz für Kriminalität, erkläre ich der anderen S. als die Kaffee-Gesandtschaft wiederkehrt.
Der gerufene ADAC trifft nach einer weiteren Stunde ein, die wir in den Schrecken des Eises und der Finsternis zubringen. Entschuldigung, der Schnee, erklärt der kleinere von beiden, ein unablässig redender Mann, was durch die fast schon gruselige Schweigsamkeit seines Begleiters nur noch verstärkt wird. Beide wirken wie für David Lynch hingestellt. Die Bremslichtsteuerung sei ausgefallen, er würde das ganze jetzt überbrücken, damit das Licht wenigstens die ganze Zeit brenne und man nach Hause komme. C. unterschreibt das Formular, wir fahren erleichtert voraus, der ADAC hinterher. Das Lachen, das uns bleibt und schnell verrauscht, als wir vor der herabgelassenen Schranke des Parkplatzes halten müssen. Ich steige aus und werde von dem herbeieilenden ADAC-Erzähler eingeholt, der sich lautstark über diese Situation auslässt. Die hätten doch gesehen, dass man hier arbeite. C. setzt die enge Ausfahrt mit dem Anhänger zurück. Eine nicht ganz ungefährliche Angelegenheit bei dem Schnee, und wir fahren dem ADAC-Wagen hinterher über eine Fahrbahnbegrenzung, die diese mit einem Spezialschlüssel herausgehoben haben.
Wenigstens fahren wir; auf der Autobahn im gefühltem Schritttempo, während der Anhänger keine große Freude daran zu haben scheint, von uns gezogen zu werden. Alles Erzählen und Zigarettenrauchen schwere Gesten des Ablenkens von dem Gedanken eines gar nicht unwahrscheinlichen Unfalls.
Billy Buche war übrigens ein Mißverständnis. S.’ Mitbewohner wollte Billy Birke.

„Erst in die Hölle und dann zu IKEA“

Marlboro Light

Eine Geschichte an der Seite, die anfing, während die anderen Playstation spielten. Das ist jetzt wirklich nicht der Beginn von etwas, es ist einfach der Anfang einer Erinnerung. Nicht mehr. Ihr damaliger Freund war damals Gitarrist in einer Band, in der unser Drummer auch spielte. Drummer – immer war ich neidisch auf diese Leute, von denen es immer zuwenig bei uns im Ort gab. Er wurde von ihr meist begleitet, wenn er sich unsere Proben anschaute. Sie war damals etwa eineinhalb Jahre jünger als wir. In Adoleszenzjahren eine herbe Ewigkeit weit fort, saß sie im Schneidersitz nach den Proben im Wohnzimmer bei uns. Ich habe mich damals gerne mit ihr unterhalten, wenngleich auch nicht viel. Sie stand immer etwas heraus aus unserem Kreis, allein wegen des Altersunterschiedes. Vielleicht hat sie es mir ein wenig leichter gemacht, mich einige Zeit später, die Playstation und den bekifften Pizzawahnsinn leid, von den anderen zu distanzieren. Obwohl es wirklich zuviel gesagt wäre, dass sie darin eine Rolle spielte.
Etwa 15 Jahre später bin ich in Kreuzberg auf einer Geburtstagsfete, wo ich ausser der Gastgeberin niemanden kenne. Als jemand neues auf die Party kommt, der sie begrüßt, erkenne ich jemanden von lange her wieder. Allerdings sind solche Momente eher schleichend. Das Gedächtnis braucht einen Moment. Man zweifelt sogar daran, ob es nicht einfach die Ähnlichkeit mit jemandem ist, den man mal gekannt hat. Sie kann mich sehr viel schneller einordnen als ich gedacht habe, und es folgt ein nach dieser Zeit wohl übliches Dachbodenkramen, das den Abend über dauert. Zuviel Bier, zuviel Zigaretten. Irgendwann rauche ich ihre Marke, die mir eigentlich nicht schmeckt. Überhaupt nicht. Am Ende komme ich nicht mehr zurück nach Hause, und ich übernachte bei ihr auf der Gästecouch. Ich bin überrascht über soviel Gastfreundschaft gegenüber jemandem, den sie kaum kennt, vermutlich, weil wir beide aus demselben Nest kommen. Das ist aber kein gegenseitiges Mitleid. Am nächsten Morgen schaffe ich es verkatert in die Küche, wo sie bereits das Frühstück aufdeckt. Mein Blick geht zum Fenster in einen viel zu hellen Himmel hinein. Wir müssen beide zur Arbeit. Ich frage mich, warum, aber als sie mir das zweite Glas Orangensaft einschenkt, empfinde ich etwas Archaisches zwischen Dankbarkeit und Liebe für sie, als hätte es solche Morgen schon im Holozän gegeben, hell und verrauscht und gegenseitig so wenig der Rüstung, waldgeborgen, Strömen ins Tal; und ich mache mir klar, dass es schon nicht mehr da ist, wenn wir uns zehn Minuten später vor der Haustür verabschieden werden, jeder in sein Leben hinein.

Manche Geschichten liegen an der Seite. Das sagte ich doch. Aber warum sollte man die nicht auch mal erzählen?