Zeichenkette

Es ist

Die Luft nicht damit zu schrecken
weil ich sie atme.
Hinter mir schließ ich leise
die Türen
dass ihre Töne keinen Anklang finden
am Schwinden meiner Schritte.

Advertisements

Beim Tragen einer Cordjacke

Halblicht macht das Sammelsurium aus Blattsorten leuchten, das drapiert auf den Rücken verschlafener Autos liegt oder um meine Füße als Schnittwerk des unbekannten Friseurs. Halbschlaf macht sich dazwischen auf den Weg. Kindergummistiefel zwacken ihre Komplementärfarben durch die kleinen Hügel botanischen Jahresendes. Was ausnahmsweise einmal beruhigt: Durch so viele andere Augen ging das schon, wurde besprochen, bekam Ölfarbe und Text, doch blieb niemandes Sprache an dem einzigen Rotbraun  hängen, das in diesem Moment der eigene Schritt stört.

Die Namen der Pflanzen,

die Du in die Landschaft stichst,

damit ihr Atmen Dir Zeilen spielt,

trägst Du Jahre schon

über Deiner Würdung

wie Hemden Schlafloses.

Gelesen I

Woran verrät sich der Dilettant?
Seine Gegenstände sind immer schön.

M. Frisch, Tagebücher 1946-49

Ständig die Frage, wie herum das Fernglas einen näher bringt.

Keimgestimmt

Keimgestimmt
zum Gesang sich legen
den die Erde unter meiner Hand erpochte
wenn alle Zeltbruch trieben

Vorwiegend Reflexivpronomen. Das so kurz nach dem Frühstück.

Camel

Das Traurige an schmutzigen Schulranzen. Ein Gedanke, auf den Du* mich bringst, während wir auf dem Nachhauseweg sind. Es ist nicht der Schmutz oder der Schulranzen. Wie bei allem ist es das Zusammenspiel, da das Einzelne selten zählen kann. Und hier ist es das der entgegengesetzten Konnotationen gelieferter Bilder – oder vielmehr das Bemühte der grellen Konnotation, etwas zu vermitteln, das gegen so etwas Banales wie den Alltag niemals Bestand haben kann. Bis heute bin ich beeindruckt von der Deutlichkeit, mit der das Gefühl der Trauer über eine ziellose Farbe zutage tritt; gerne an Bushaltestellen oder auf dem Weg zu einer Verabredung, während man das letzte Stück zu Fuß geht; gerne morgens auf dem Weg ins Büro, die paar Minuten, die ich eine Zigarette rauche und sich der Tag um einen herum versammelt wie eine Herde wenig freundlicher Tiere.
Der Auslöser ist innerlich stets mehr oder minder derselbe, wohingegen sich die Bilder sehr frei arrangieren. Erst letztes Wochenende zerschlägt mich der schief geklebte bunte Schriftzug eines China-Imbisses. Ein recht kleingestiger Anlass, etwas trostlos zu finden, er widerspricht einem konventionellen modus dolor. Aber genau hierin findet sich auch eine Erklärung. Die Erde scheint an so vielen Orten hindurch. Nicht nur Friedhöfen. Das Unaufhörliche, in das ein Mensch so gerne sein Zielloses gibt.

*) P.W. 1995

Cabinet

Vor gar nicht so langer Zeit plansche ich mit meiner Verwandtschaft in einem Baggersee, neben der Wiese vom Ufer her auch der Geruch von Braunkohle, der sich über alles legt, nicht penetrant oder unangenehm, für mich nur ungewohnt; es ist das erste Mal, dass ich hier bin, dies ist meine Erinnerung; die Landschaft schwenkt um von Wiese zu Stadt, in dieses Grauland, dort, wo Jahre später wieder eine Kirche steht jetzt nur ein großer Haufen Trümmer, zwischen dem ansonsten so leeren Platz wie Gekehrtes, irgendwo dahinter gruseln mich die schwarzen Fensterhöhlen des Gebäudes, dessen Name mich an eingesperrte Hunde denken lässt; dann wieder mehr Grün, Grün als Geruch und Fühlen, im Haus meines Onkels eine gesprungene Bodenplatte im Flur, auf deren Riss ich Balancieren spiele. Ich sehe eine echte Dampflok und darf sie nicht fotografieren. Ein kindliches Erinnern an mehr Grün und aber auch mehr Grau. Ein Warten an der Grenze, das mich wahnsinnig macht, die Unruhe meiner Eltern, die mir noch in die Träume fließt,  mein Interesse an den Teleskopspiegeln, die uns unters Auto gehalten werden,  und der Müllwald am Rande der Transitautobahn. Dies ist eine Erinnerung. Mehr nicht.

Gauloises Blondes légères

Setzt Du dich zu mir weil etwas in Faserblicke
von mir gelegt von schwacher Wütung Fährten ,
und Du sagst mir: ich sense meine Sonnengärten,
und brenn die Kohle bis zum letzten Stücke:

wobei ich immer ende mit Beginnen,
und aller Zeichnung halb bemenschtes Gehen,
lass ich im Flur, aus Fenstern fort sie wehen
und finden kein Baumhangbeginnen.

Ich finde kein Erhalten für die Hände
und finde keine Sprache für die Herden
und finde keine Farbe für die Wände

und finde kein Verbauen für ein Werden –
und finde nur die Worte fahl am Ende:
auch Du kannst nicht die Augenernte erden.

HB

Kindskopfgartenzaun –
die Hecke sonnt voll Bienen;
ich flieg Sommern zu Dir.

Van Nelle

Unsere Lehrerin teilt die Aufgabenzettel aus. Es sind Matrizenabzüge auf weichem, beigem Papier mit blauer Schrift und an jedem Tisch gibt es mindestens ein Kind, das sich, hingerissen von dem fruchtigen Lösungsmittelgeruch, den Zettel an die Nase hält und verzückt schaut oder gleich den Kopf auf den Tisch mit dem Papier senkt, als würde es Koks ziehen. Für einen kurzen Moment stürzt das ansonsten so straffe Regime unserer Lehrerin in die Anarchie. White Rabbit FSK 6.
Ein Zusammenhang, den man wohl besser nicht herstellen sollte, als ich etwa zehn Jahre später mir meine erste Packung Tabak und Blättchen kaufe. Das ganze heimlich vor den Eltern. Von einem Freund, der schon eine Zeit länger und noch heimlicher raucht, lasse ich mir das Drehen zeigen. Der Halfzware riecht streng nach Leder als wir mit den Fingern Büschel aus der Packung ziehen und auf dem Papier verteilen. Ein paar Wochen zuvor hatte mir derselbe Freund geraten, einen Telefonanruf an eine Mitschülerin zu machen, der mir eigentlich nur zeigen sollte, dass ich diesbezüglich noch viel blöder war, als ich es nicht schon vorher wußte. Irgendwann fängt man an, bei mir begann es mit einem Hörer, den ich in der Hand hielt während ich das örtliche Telefonbuch aufschlug. Am Abend klaute ich meinen Eltern zwei Zigaretten und setzte mich an einen See in der Nähe. Dem ersten Zug folgt kein Hustenanfall, wie es in Filmen immer vorkommt. Irgendwie bin ich enttäuscht darüber, da es der ohnehin schon mit Pathos auf Anschlag geladenen Situation das phänotypische Leiden nimmt, dass man so sehr schätzte. Unmittelbar darauf tritt mir das im Nervensystem eintreffende Nikotin seine Stiefel in die Kniekehlen. Halt, der wie Wachs zerfließt. Ich sinke in die Bank und verliere den Geruch des Sees. White Rabbit FSK 16.

Lucky Strike

Sie kommt mit einem blauen alten Saab auf den Parkplatz gefahren, ein schönes Auto, das mir, da ich den Halter kenne, klar macht, mit meinen Vermutungen richtig gelegen zu haben.
 Als sie mir die Baumwolltasche mit meinen Büchern gibt, erfrischt mich wenigstens ihre gewollte Distanz, die ich an solchen Treffen immer auf eine masochistische Art liebe. Letztlich sei es wohl der Altersunterschied gewesen, erklärt sie: Ich dreiundzwanzig und sie über sieben Jahre älter. Ich überlege an dieser Stelle, wie herum wohl das Negative daran gemeint sein kann, halte aber meinen Mund. Ich frage mich, ob sie sich ein wenig mehr Action von meiner Seite wünscht. Dabei ist alles schon geschehen und gesagt. Ein Klischee von drei Monaten mit sorgsam verteiltem Kitsch, nämlich: Die immer so schön verlaufende Ansaugphase mit Zerlegungen von Gesagtem, die Zigarette mit Lippenstift, die auf das Pflaster fällt, das zunächst Heimlichsein gegenüber den Freunden, die zerwühlten Laken, die Frühstücke in einer Wohnung, deren Fremdheit mit jedem Tag abnimmt. Wie weich die Hände ineinander sein können, wie man auf ihr Haar schaut, wenn sie über ihre Diplomarbeit gebeugt brütet. Viele Fragen gegenüber Zukunft, die ich umschiffe. Auch das Klischee. 
Letztlich hat der Halter des Saabs sie zurückgewonnen. Auch wenn das Auto schön ist, daran lag es nicht. Er hat ihren Drucker repariert. Wo ich deutlich des Umschiffens war, hat er in den Nebel gesteuert.
Was mir Sorgen macht – ich sollte eigentlich eine Sturmflut im Bauch haben, eine mit gebrochenen Deichen und ertrunkenen Kühen, die am nächsten Morgen zwischen verendeten Fischen liegen – aber stattdessen jedoch spüre ich: Langeweile. Das ist kein heimlicher Chauvinismus, sondern eher ein Traurigsein darüber, dass die Dinge sich immer in einer Art entwickeln, die man als plausibel schon längst überdacht hat. In alle Richtungen. Und wenn sie dann eintreffen, sind sie wie Wiederholungen im Fernsehen: Man schaltet um und schaut sich Deutschlands schönste Bahnstrecken an.
Meine Nachbarin kommt, vom Einkauf heimkehrend, um die Ecke, kurz nachdem der schöne Saab vom Parkplatz gefahren ist. Sie bemerkt, dass wir uns lange nicht mehr gesehen haben, und dass wir wieder einmal etwas unternehmen sollten. Das passe mir gut, sei gerade frei. Ein richtig blöder Spruch, aber die Vorlage war einfach zu gut.  Als sie darüber missbilligend die Braue hochzieht, weil sie den Hintergrund erahnt, rettet mir das den Tag. Oder auch nicht.
Was mir auch die Langeweile nie erklärt hat: Warum man immer wie mit fünfzehn ist, wenn man wieder beginnt.

Gauloises caporal

Zum Beispiel die Fotografie dieses Typs mit seiner Zigarette und dem aufgeschlagenen Mantelkragen auf dem Cover eines Rowohlt-Taschenbuchs.
All die toten Leute, die man gelesen oder deren Bilder oder Filme man gesehen hatte, während man sich mit Herzflimmern der zweiten Dekade Leben näherte.
Ein fremder Regen, eine fremde Sonne auf der eigenen Haut.
Das Schöne daran: Jemand hatte mir etwas geschenkt, das ich bis ins Alter nicht öffnen sollte;  und durch das Papier der Verpackung versuchte ich es zu ertasten. Und das Gefühl unter den Fingern bleibt bis heute.

FRED

Vierwandtot.
Jede Langeweile liefert mich aus,
auf Straßen wie Wehrgänge –
Jede Hauswand will mich gehen sehen.
Und jedes Fensterlicht fremdet mir Wünsche.

Wie die Hast an mir arbeitet:
Die Sehnsucht, Mahlzeiten zu vergessen,
weil das Herz sich schon satt trinkt an Dir.
Immer Menschen sehen wollen,
die langsamer gehen als ich –
nur um zu fühlen
vielleicht anzukommen

weit hinter Worten.