Zeichenkette

NIL

Nachtzug im September. Wir sind nicht gänzlich unter uns im Abteil, und es wirkt so, als habe jemand mit ein wenig mehr Befugnissen diesen unablässig bärtig quasselnden Studenten zu uns gesetzt. Eigentlich kein ganz so verkehrter Kerl, aber für die Fahrt wirkt er wie eine verbale, etwas schmuddelige Vorwegnahme der Stadt, die wir besuchen werden. Als ich meine Zigaretten heraushole und er die Marke sieht, erklärt er uns etwas von Existenzialistenfrühstück mit schwarzem Kaffee und Zigarette. Mach mal schön weiter Jean-Paul, denke ich und gehe auf den Flur um zu rauchen während ich ins Rauschen der Fahrt horche. Mich hat immer das Beruhigende an diesem Lärm gewundert.
Untergebracht werden wir in einem Studentenwohnheim, das in der vorlesungsfreien Zeit die leeren Zimmer für Reisende zur Verfügung stellt. Davor wird es ein Krankenhaus gewesen sein, das kann das Gebäude einfach nicht verbergen. Einer dieser alten Klötze, die man noch nicht einmal innenarchitektonisch geändert hat. Die Farbe der Wände und die Sitzgruppen im Foyer rufen mich ins OP. Mit zehn Stockwerken Unterschied zu den anderen finden P. und ich unser Zimmer unter dem Dach. Das internationale Sprachgemisch der Studenten auf dem Flur und das Wuchten der Fahrstuhlanlage bis spät in die Nacht. Die nächsten Tage sind eine Zettelwirtschaft:

Ich lerne das Trinken von Kaffee. Kaffee morgens, mittags und abends. Kaffee nachts. Coffee-to-Go. Go-to-Coffee.

In der U-Bahn liegen kleine Zettel aus, die ich mir mit P. näher betrachte. Es sind kurze Gedichte; wir sammeln ein paar davon, aber alle sind scheiße.

Das Hundertwasserhaus ist ein netter Versuch mich bunt zu stimmen. Schnell wird mir klar, warum ich den Künstler eigentlich nur vom Einband der Lateinlexika kenne. Und einmal wieder Peter Lindbergh mit seinen Über-Nackten. Im Erdgeschoss gibt es auch ein Café. Die Kellnerin ist hier freundlich.

Dazwischen halbgare Eifersucht, die man schön poliert und neben die Melange wie einen Revolver auf den Tisch legt. Was hast Du? Es ist nichts.

An der Stadt fällt mir das latent bis überaus deutlich Pornographische auf. Viel zu viele Nachtklubs und klimatisierte Einzelkabinen. Selbst Hotelangestellte tragen unmögliche Plateauschuhe. Das mischt sich mit diesem jahrhundertealten Melting-Pot-Gefühl und einer ätzend biederen Fassade. Zusammen macht dies scheinbar das Flair der Stadt aus. Ich will die Kultur nicht vergessen. Aber die war hier scheinbar immer so reich an krassen Blüten, da es die oben genannte schräge Mischung schon ewig zu geben scheint.

Kaffee bei McDonald’s. Kein Kommentar.

Auf Katharinas Sarkophag schießen sich unzählige Leute für sie ins Grab.

Und so weiter. Ganz besonders im Burgtheater.

Halt, Schiele, Dich fand ich gut. Klar. Bei der Laune. Aber muss man Deinen Kollegen Klimt so vermarkten?  Ja, gerne, noch eine Melange bitte!

Ich kehre heim und bemerke, dass ich fünf Kilo abgenommen habe. Als hätte ich sie mit etwas eingetauscht, das eine andere Schwere besitzt.

Man wundert sich später wirklich, was man sich selbst damit eigentlich sagen wollte. Bruchstücke auf dem Weg in die zweite Dekade Leben.

Den Stapel Zettel zurück in den Schuhkarton, den Schuhkarton zurück unters Bett.

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f6

Es beginnt mit der kuriosen Neugier an der Sache. Anders kann ich es nicht beschreiben. Aber wie auch bei allen anderen Dingen holt der Alltag einen ziemlich schnell auf den Boden. Ein mit einem Laken zugedecktes Bett, unter dem sich deutlich ein Körper abzeichnet. Der Weg zum Fahrstuhl, den man vorher prüft, um keinem Patienten oder Besucher zu begegnen. Und deren Gesichtsausdruck, der einen beschäftigt, wenn es zufällig doch einmal der Fall sein sollte. Den Keller erreiche ich durch eine schwere Tür, die tatsächlich an die eines Kühlschranks erinnert. In der Mitte des dunkel gefliesten Raums eine Bahre mit Kruzifix am Kopfende. INRI. Gerade hier wie aus einer verblassten Kultur, an deren Bilder und Lieder sich nur noch erinnert wird. Den ersten Körper, den wir hinabbringen, legen wir zugedeckt auf die Bahre. Alle weiteren, und es gibt weitere, links und rechts daneben. Tagesgeschäft.
Die Telefonate mit den Angehörigen. Es geschieht nicht selten, dass es einfach keine mehr gibt – oder die Hinterbliebenen sich nicht wirklich kümmern; sei es aus schamhafter Furcht vor dem Amtlichen daran, sei es aus Desinteresse.
Ich räume den Schrank und den Nachttisch aus. Oft mehrmals die Woche. Die Übrigkeiten gehen in schwarze Mülltüten, die im Lagerraum stehen, bis Verwandte sie vielleicht abholen. Eigenartig, dass man sich gerade hier das Euphemistische, das das Thema sonst immer umgibt, spart. Ein Rasierapparat, die dritten Zähne, etwas Wäsche, Genesungswünsche von den Verwandten, vielleicht ein Buch. Ein Krumen Schau in etwas Person, fast nutzlos, weil so kurz. Das war es. Wenn es eine treffende Definition von Rest gibt, dann diese.
Das Desinfektionsmittel trocknet mir die Hände aus, nachdem ich das Zimmer gereinigt habe. Alles hier ist zugleich Beweis und Widerlegung von Dingen wie Seele oder Nachleben. Den Anspruch, mehr zu sein, hat es nie erhoben.

Prince Denmark

Südschweden Anfang Juli mit See, Kanu und Zelt. Ein Ausflug mit einer Jugendgruppe, die heterogener nicht sein kann. Floskeln von Menschsein, das sich erst noch finden wird. Mittige Randerscheinung. Ich bin eine Doors-Jukebox für das Lagerfeuer am Abend. Mir klebt die Müdigkeit im Haar, als ich am nächsten Tag aus dem Zelt stolpere. Alles ist Tau weit hinter die Stirn. T. kommt vorbei, auch er schleppt seinen Kopf hinter sich her. Wir haben beide Geburtstag. Nicht nur wegen dieser Rahmenbedingung verstehen wir uns gut. Er ist ein Jahr jünger, einen Kopf größer, breitschultrig und seine Bewegungen noch eine Spur unfertiger. Der Inbegriff eines großen Jungen. Ich bewundere seinen Gerechtigkeitssinn gegenüber der Gruppe, in der es einige problematische Leute gibt. T. steht gegen die Gehässigkeiten und seine Körpergröße macht es ihm leicht, ohne Reibereien die Oberhand zu behalten. Seine Rolle wirkt etwas naiv, aber Gerechtigkeit scheint immer etwas Naives zu haben, was vermutlich ihre Unbeliebtheit erklärt.
 Wenn ich mir überlege, ob wir Freunde werden können, fällt mir schon nicht mehr ein, was man reden und unternehmen könnte. Manchmal bedarf es nicht viel an einem Menschen, um so etwas Ähnliches wie rätselhaft zu sein – er mit seinem bubigen Kurzhaarschnitt, den Bundeswehrstiefeln vom Bruder und die Unbekümmertheit, mit der er auf Leute zugeht; die mir damals fehlte, einem Schüler, der manisch Liedttexte auswendig lernt, kiloweise Bücher auf Flohmärkten kauft, der sich auf der Fahrt häufig alleine in eine Ecke der Insel, auf der wir gerade kampierten, zurückzieht um nachzudenken. Einmal findet mich T. bei so einer Gruppenauszeit. Er habe sich Sorgen gemacht, und ob es mir gut gehe. Dafür mag ich ihn sehr, gerade, weil dieser Moment etwas von diesen unerträglich stereotypen Jugendromanen hat, die man sich in dem Alter öfters ins Leben sehnte.
Zwei Jahre später bin ich auf einer Party bei einer Ruine im Wald eingeladen. Vor dem Feldweg, der hinauf zu den Überresten eines Hotels aus den fünziger Jahren führt, halte ich meinen Wagen, und die Scheinwerfer bestrahlen einen Baum vor mir, der auf Sichthöhe wie gesprengt aussieht. Holzsplitter rätseln wild in alle Richtungen wie die Fragen und das Unwohlsein, das mich bei diesem Anblick beschleicht. Ich schalte den Motor ab und steige dort aus, wo, wie ich am nächsten Morgen erfahre, T. ein paar Tage zuvor den Nutzen für seinen kürzlich erworbenen Führerschein verwirkte.

John Player Special

In Kleinstädten wächst man auf. Zwei Sommer lang war der Marktplatz in E. ein Treffpunkt. Der Unterschied zwischen uns und den für Kleinstädte so typischen Bahnhofshängern war eigentlich nur der formale Bildungsgrad. Und zumindest gab es noch ein paar andere Orte, zu denen wir später gehen konnten. So trafen wir uns da also. Lange Haare, Doc Martens, Cordhose und Freundschaftsbänder.
Wenn ich darüber nachdenke, was man allgemein einer jeden Dekade, die ihre Kinder geprägt hat, vorwerfen kann, so steht für mich an erster Stelle: Die Klamotten. Die Neunziger waren ein recht interessanter Fall. Nach Pastellfönkarottenhosendauerwellen der achtziger Jahre konterte man (wer ist hier man?) mit einem halbentschiedenen siebziger Jahre Revival. Die andere halbentschiedene Hälfte fand sich in der Form von Buffalos und der Love Parade. Was aber nicht heißen soll, dass beide Mengen disjunkt waren. Die Musikindustrie steuerte uns in die entsprechende Richtung. Überhaupt ging es der damals ganz gut. Türme von CDs in den Zimmern. Große Anlagen, auf denen man neue Alben anhörte. Bei den Bands war es in Mode gekommen, einen Hidden Track ans Ende ihrer Alben zu stellen. Ewiges Warten darauf. Glotzen auf den Counter. Auswendiglernen von Songtexten und Studieren des Booklets. Eddie Vedder zieht die Vorhänge zu, und Layne Staley dimmt das Licht. Liegen auf dem Boden und sich von Musik eindecken lassen. Mit Cordhose und Freundschaftsbändern.
Weshalb ich den Marktplatz erwähne: Der alte Typ mit seinem Trenchcoat und dem gepflegten weißen Bart, der auf Flaneur machte.  Den einen Sommer traf man ihn öfter auf dem Marktplatz, und er setzte sich meistens zu den Mädchen aus unserer Gruppe, die mir damals zu jung waren, mit denen man relativ wenig reden konnte und die immer nur Bücher oder CDs von mir ausleihen wollten, die man am Ende soundso nicht wiederbekam. Ihn schien das wenig zu stören. Sein gentiles Probieren, mit dem er sich aufführte als würde er den Marktplatz nach Montmatre verorten wollen, hatte für die meisten einen gewissen Unterhaltungswert. Solche Menschen wirken immer ein wenig wie an Fäden gezogen, da ihre Sich-selbst-Gedachtheit wenig passt.
Einmal setzt er sich zu mir, weniger aus dem Interesse an mir als vielmehr, weil ich mich gerade mit zwei der Mädchen unterhalte. Er bietet mir eine Zigarette an; tut dies mit so ausholender Geste, dass sie zusammen mit seiner Erscheinung und meinem Blick auf die Zigarettenmarke eine eigensinnige Komik entwickelt – jene besondere  unvermittelt einsetzende grausame Lebenskomik, die sich nie entscheiden kann, ob sie mich herzhaft amüsieren oder furchtbar traurig stimmen möchte. Auch jetzt kann sie sich nicht entscheiden, weshalb ich sauer auf sie bin und Mitleid mit ihm habe. Ich nehme eine seiner Zigaretten.
In Kleinstädten wächst man auf.

Pall Mall

Als der Polizist die Frau am Steuer anweist zu wenden, da es weiter vorne einen Unfall gegeben habe und die Straße gesperrt sei, wird sie das erste Mal an diesem Abend unfreundlich. Der Polizist kann nicht wissen: Wir vier in diesem von Bekannten geliehenen Skoda Octavia mit überbrücktem Bremslicht, alle Ende zwanzig, frierend und einen Anhänger voll mit IKEA-Einkäufen, die vom Schneetreiben zugedeckt werden, sind an diesem Tag ungefähr von jeder Annehmlichkeit westeuropäischer Zivilisation verlassen worden.
Unglück scheint einen faszinierenden Magnetismus zu besitzen. Ein ganzes Stakkato von schlechten Zufälligkeiten kann sich entladen und lässt einen je nach Schweregrad die Existenz irgendeiner höheren Absicht in Betracht ziehen. Vielleicht auch nicht. Auf jeden Fall gibt es dieses dämliche Wie-im-Film-Momente-Gefühl. Warum eigentlich Wie-im-Film-Momente und nicht Wie-im-Buch? Vermutlich wegen der Ausdeutbarkeit dieses Zusammenwurfs von Pech in eine wie auch immer geartete Intention, die in ihrer melodramatischen Dichte immer nur im amerikanischen Herzkino vorkommt. Eigentlich benutzt man den Wie-im-Film-Ausdruck aber nur, wenn es eine positive Verkettung von Ereignissen ist. Bei allem anderen neigt man eher dazu, die Fresse zu halten.
Schönes Abschweifen. An diesem Abend haben wir uns das jedoch geschenkt. Es gibt in Überflussgesellschaften diese individuelle, geflüsterte Sehnsucht nach Not, in der man sich beweisen muss und über sich hinauswächst. Das wird auch der Grund sein, warum so viele Leute Videospiele spielen und sich in irgendeine Heldenscheiße reindenken. Hauptgefreiter der Herzen. Ganz toll. Sobald man in eine Not geworfen wird, schämt man sich für soviel kindische Phantasie.
Der Grund, diesen völlig heruntergearbeiteten Skoda Octavia auszuleihen war – seine Anhängerkupplung. Dazu den Anhänger. Schon in Koblenz beim Zusammensammeln der Fahrgemeinschaft gen IKEA springt der Wagen zwischendurch nicht mehr an. Der eigentliche Halter beruhigt die Fahrerin. Sei normal. IKEA wird tatsächlich erreicht. Der Einkauf selbst verläuft stereotyp wie jedweder IKEA-Einkauf: Die Packung Teelichter nimmt man immer mit.
Der Winter naht mit einsetzendem Schneefall, als wir den Anhänger mit Billy Buche, irgendeiner Couch und Tonnen von Nippes mitsamt Teelichter beladen. Dabei wird uns klar, dass das Bremslicht des Skoda noch brennt. Ein Gefühl untereinander geborgenen Verlorenseins macht sich breit als wir feststellen, dass der elektronische Türöffner des Wagens nicht mehr reagiert. Wir entdecken unseren Humor auf kreative Weise neu, während S. sich an dem Schloß versucht, das durch die stete Benutzung des elektronischen Öffners eingerostet ist. Am Ende sitzen wir dennoch in dem Auto, während der Schnee den Parkplatz zu einer kitschigen Leinwand unseres Unglücks ausfüllt. Als die Dunkelheit vollkommen ist an diesem Samstag, beschließen S. und C. einen Ausbruch zum nahe gelegenen McDonald’s zu wagen. Kaffee. Ich warte mit der anderen S. auf die Rückkehr, als die Parkplatzbeleuchtung abgeschaltet wird und die Kälte im Auto die Laune herunterkocht. Jetzt ist es wirklich dunkel. Ein guter Platz für Kriminalität, erkläre ich der anderen S. als die Kaffee-Gesandtschaft wiederkehrt.
Der gerufene ADAC trifft nach einer weiteren Stunde ein, die wir in den Schrecken des Eises und der Finsternis zubringen. Entschuldigung, der Schnee, erklärt der kleinere von beiden, ein unablässig redender Mann, was durch die fast schon gruselige Schweigsamkeit seines Begleiters nur noch verstärkt wird. Beide wirken wie für David Lynch hingestellt. Die Bremslichtsteuerung sei ausgefallen, er würde das ganze jetzt überbrücken, damit das Licht wenigstens die ganze Zeit brenne und man nach Hause komme. C. unterschreibt das Formular, wir fahren erleichtert voraus, der ADAC hinterher. Das Lachen, das uns bleibt und schnell verrauscht, als wir vor der herabgelassenen Schranke des Parkplatzes halten müssen. Ich steige aus und werde von dem herbeieilenden ADAC-Erzähler eingeholt, der sich lautstark über diese Situation auslässt. Die hätten doch gesehen, dass man hier arbeite. C. setzt die enge Ausfahrt mit dem Anhänger zurück. Eine nicht ganz ungefährliche Angelegenheit bei dem Schnee, und wir fahren dem ADAC-Wagen hinterher über eine Fahrbahnbegrenzung, die diese mit einem Spezialschlüssel herausgehoben haben.
Wenigstens fahren wir; auf der Autobahn im gefühltem Schritttempo, während der Anhänger keine große Freude daran zu haben scheint, von uns gezogen zu werden. Alles Erzählen und Zigarettenrauchen schwere Gesten des Ablenkens von dem Gedanken eines gar nicht unwahrscheinlichen Unfalls.
Billy Buche war übrigens ein Mißverständnis. S.’ Mitbewohner wollte Billy Birke.

„Erst in die Hölle und dann zu IKEA“

Juno

Zu Zeiten gefunden,
da ich noch sinnlos die Tusche an alle Wände strich —
mich durch offene Gärten quälte
mit Bauchweh vom ersten Rosenfressen,
die Hände schwarz von stummer Erde;
gabst Du mir Versblick in ein Bleiben,
mit weniger Zuckergipfel
aber festerem Weg.

Nun, zumindest „teils – teils das Ganze“

Marlboro Light

Eine Geschichte an der Seite, die anfing, während die anderen Playstation spielten. Das ist jetzt wirklich nicht der Beginn von etwas, es ist einfach der Anfang einer Erinnerung. Nicht mehr. Ihr damaliger Freund war damals Gitarrist in einer Band, in der unser Drummer auch spielte. Drummer – immer war ich neidisch auf diese Leute, von denen es immer zuwenig bei uns im Ort gab. Er wurde von ihr meist begleitet, wenn er sich unsere Proben anschaute. Sie war damals etwa eineinhalb Jahre jünger als wir. In Adoleszenzjahren eine herbe Ewigkeit weit fort, saß sie im Schneidersitz nach den Proben im Wohnzimmer bei uns. Ich habe mich damals gerne mit ihr unterhalten, wenngleich auch nicht viel. Sie stand immer etwas heraus aus unserem Kreis, allein wegen des Altersunterschiedes. Vielleicht hat sie es mir ein wenig leichter gemacht, mich einige Zeit später, die Playstation und den bekifften Pizzawahnsinn leid, von den anderen zu distanzieren. Obwohl es wirklich zuviel gesagt wäre, dass sie darin eine Rolle spielte.
Etwa 15 Jahre später bin ich in Kreuzberg auf einer Geburtstagsfete, wo ich ausser der Gastgeberin niemanden kenne. Als jemand neues auf die Party kommt, der sie begrüßt, erkenne ich jemanden von lange her wieder. Allerdings sind solche Momente eher schleichend. Das Gedächtnis braucht einen Moment. Man zweifelt sogar daran, ob es nicht einfach die Ähnlichkeit mit jemandem ist, den man mal gekannt hat. Sie kann mich sehr viel schneller einordnen als ich gedacht habe, und es folgt ein nach dieser Zeit wohl übliches Dachbodenkramen, das den Abend über dauert. Zuviel Bier, zuviel Zigaretten. Irgendwann rauche ich ihre Marke, die mir eigentlich nicht schmeckt. Überhaupt nicht. Am Ende komme ich nicht mehr zurück nach Hause, und ich übernachte bei ihr auf der Gästecouch. Ich bin überrascht über soviel Gastfreundschaft gegenüber jemandem, den sie kaum kennt, vermutlich, weil wir beide aus demselben Nest kommen. Das ist aber kein gegenseitiges Mitleid. Am nächsten Morgen schaffe ich es verkatert in die Küche, wo sie bereits das Frühstück aufdeckt. Mein Blick geht zum Fenster in einen viel zu hellen Himmel hinein. Wir müssen beide zur Arbeit. Ich frage mich, warum, aber als sie mir das zweite Glas Orangensaft einschenkt, empfinde ich etwas Archaisches zwischen Dankbarkeit und Liebe für sie, als hätte es solche Morgen schon im Holozän gegeben, hell und verrauscht und gegenseitig so wenig der Rüstung, waldgeborgen, Strömen ins Tal; und ich mache mir klar, dass es schon nicht mehr da ist, wenn wir uns zehn Minuten später vor der Haustür verabschieden werden, jeder in sein Leben hinein.

Manche Geschichten liegen an der Seite. Das sagte ich doch. Aber warum sollte man die nicht auch mal erzählen?

Gitanes

-Jemandem weh tun? (2:09:12)

-Nein (2:09:14)

-Nicht mehr. (2:09:17)

-Wir waren einfach zu gierig, Baby. (2:09:25)

-Das war alles. (2:09:30)

Roth-Händle

Filterloses aus der Schachtel. Die einzige Marke, bei der ich filterlos ernst nahm. Glutlungenflügel.  Die Marke ist eingegangen. Und ihre Raucher? Erinnerung an Qualm vom sozialen Rand. Graufaltige ältere Leute, die in der Ecke des Ladens saßen, in dem ich damals öfters mit einem halbtiefen Du Billard spielen ging.

Schneeliegen

Erster Schnee, der liegen bleibt, fast schon zu zaghaft auf Straße, Dächern und Autos. Beinahe hat man Mitleid. Gegenüber geht ein Mann mit dunkler Jacke, das Gesicht in der Kapuze verborgen. Kurz zieht es mir hinter der Stirn auf: Unvermittelt und ungewohnt unheimlich ist mir dieses Bild zwischen all dem Hellen.

I

Kein Eismeer und die Schollen
die tragen könnten.
Denn der Winter liegt lungenkrank.
Sein kurzer Atem reicht nicht
mir den Sommer zu Sehnsucht zu friern.

Familienbande

Ich schreibe in ein kleines Schulheft mit ungewöhnlichem Format. Seitdem ich ungefähr zehn war kenne ich diese himmelblau eingeschlagenen Bögen Papier, da sie damals mein Onkel, vermutlich auf einer Geschäftsreise nach Russland gekauft, in unmöglichen Mengen in meiner Familie auslud, so, wie man neue Kohlen auf den Hof schüttete.
Bald lagen bei Tanten, Großeltern, Eltern, diese Dinger herum. Ponys, Ritter, Arbeitsnotizen und Einkaufslisten fanden sich auf den Seiten. Eine familieninterne Währung.
Als ich vor ein paar Tagen mein Zugticket ausdrucken wollte und in den Schubladen meiner Eltern nach Papier suchte, fand ich unter einem Stapel Druckerpapier wie erdrückt ein paar dieser Hefte, vermutlich die letzten. Seltsam angerührt beschließe ich, sie in die Altersresidenz zu mir nach Hause zu nehmen — nur noch ein paar Bögen kränklicher Zellulose, die sich damals so penetrant mit ihren Geschwistern in unsere Familie drängelten.

Feiertag

Eine Zeit lang Waldstück. Böschungen. Irgendjemand hat eine rotgepunktete Stofftüte in einen Busch am Wegrand gehängt. Mit dem Blick auf den Pfad drängt sich einem dabei der Gedanke an Verbrechen auf. Als Kind hatte ich bei meinen Großeltern häufiger Aktenzeichen XY geschaut. Erinnerungen wie die an Wetten, dass… und den säuerlichen Geruch der Schwarzbrotscheiben, die auf einem lackierten Frühstücksbrett mit Kindermotiven vor mir lagen, während ich ganz für den Fernseher war.

Analogfotografie I

Das Eis hatte sich in Schollen zusammengeschoben und über weite Teile der Küste ein kleines Gebirge geworfen, das sich aus der Ostsee schob. Zwischen vielen dieser kleinen Berge gab es Höhlen, die mein Schulfreund und ich damals erkundeten. Die Kapuze meines Parkas voll mit Schnee und die Hände blaurot und die Schmerzen, wenn man sie dann später unter warmes Wasser hielt.
Mein Vater fotografierte damals sehr viel mit seiner Minolta, für mich ein schweres Ungetüm, das mir seinen Umhängegurt in den Hals schnitt, wenn ich es tragen durfte. Ein paarmal habe ich dabei zugeschaut, wie er die Bilder entwickelte. Das Badezimmer wurde ein Nachmittag lang eine Dunkelkammer und in Waschbecken und Wanne lagen rote Plastikschüsseln mit den Fixierer- und Entwicklerflüssigkeiten. Am Ende entnebelten sich auf einem kleinen Blatt Papier die Eisschollen, die Ostsee und die baumwollenen Gestalten. Nur mit Erinnern wirkt einem noch die Zeit. Eventuell.

Einer Woche, Resümee

Der Schlaf scharrt elend an Tür und Denken,

hinausgejagt in zahmen Tag.

Die Nacht gießt alles War und Werden

wo kürzlich schwarz die Steppe lag.

 

Der Schlaf scharrt elend an Tür und Denken,

und rollt sich für sich selber ein.

Die Nacht goß uns das War und Werden,

Die Steppe hell, im Wundlichtschein.